Die Rückmeldungen aus Schweizer Hausarztpraxen und Spitälern bringen es schonungslos auf den Punkt: Ein grosser und stetig wachsender Teil der ärztlichen Arbeitszeit fliesst in Tätigkeiten, die weder Qualität noch Sicherheit oder Effizienz verbessern. Diese «Arbeit ohne Nutzen» bindet Fachkompetenz und Aufmerksamkeit – und fehlt bei der Betreuung der Patient:innen. Dies ergab eine Erhebung der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM). Die Kampagne ist durch die Organisationen FMH, mfe, vsao, JHaS, SYI, SPO, Société Vaudoise de Médecine sowie dem SVA breit abgestützt. An der Befragung von September 2025 bis Januar 2026 nahmen über 1800 Fachkräfte aus der ganzen Schweiz teil.
Arbeit ohne Nutzen – mit Folgen für die Versorgung
Die «Papiertiger-Erhebung» zeigt klar, wo der Schuh drückt: An erster Stelle der als unnötig bewerteten Tätigkeiten steht die Aktualisierung von Medikationslisten und die Überprüfung von Rezepten – beim Wechsel zwischen den Sektoren Spital, Praxis und Spitex oder bei Lieferengpässen. Es folgen auf Rang zwei und drei die Doppeldokumentation aufgrund inkompatibler IT-Systeme sowie Rückfragen von Versicherern inklusive Kostengutsprachen und Wiedererwägungsgesuchen. An vierter und fünfter Stelle nennen die Befragten medizinische Anliegen per E-Mail, statt im direkten Gespräch sowie Zeugnisse für Arbeitsunfähigkeit ab dem ersten Tag.
Im Zentrum stehen damit keine Randaufgaben, sondern Kernprozesse der Versorgung. Der administrative Mehraufwand entsteht häufig durch fehlende Interoperabilität, Medienbrüche und standardisierte Rückfragen – nicht durch medizinische Komplexität. Der Aufwand ist hoch, der zusätzliche Nutzen für die Versorgung aus Sicht der Befragten dagegen gering. Die Folgen sind für Patient:innen klar spürbar. Prof. Dr. med. Sven Streit, Leiter der SGAIM Nachwuchsförderungskommission und Initiant der Kampagne Papiertiger, meint: «Hausärztliche Versorgung lebt vom Gespräch, von Kontinuität und klinischem Denken. Wenn unnötige Administration zunimmt, leidet genau das. Jede Stunde Bürokratie ist eine verlorene Stunde für unsere Patient:innen.»
Gerade bei klar indizierten, leitlinienkonformen Therapien werden immer wieder Begründungen verlangt. So müssen IV-Berichte wiederholt erstellt werden, obwohl sich die klinische Situation nicht verändert hat. Viele Teilnehmende erleben diese Praxis als Ausdruck einer Kontrollkultur. Diese beruht weniger auf gezielter WZW-Prüfung (wirksam, zweckmässig, wirtschaftlich) als auf systematischer Absicherung und fördert ein Klima des Misstrauens.
Ein erheblicher Teil der unnötigen Administration entsteht zudem durch strukturelle Defizite wie beispielsweise: Papierformulare (von 67 % der Befragten genannt), nicht bearbeitbare PDFs (56 %), fehlende Interoperabilität (83 %) oder das wiederholte Ausfüllen identischer Stammdaten (73 %). «Drucken, unterschreiben, scannen, mailen – und dies im Jahr 2026», meint Streit. Weitere Beispiele seien unterschiedliche Formulare je Versicherung, obwohl immer dieselben Angaben verlangt werden oder Post parallel zu E-Mail – doppelte Arbeit ohne Grund. Mit Interoperabilität, klaren Standards, Delegationsmöglichkeiten und einer gelebten Pflichtleistungsvermutung liesse sich diese vermeidbare «Arbeit ohne Nutzen» deutlich reduzieren.
«Papiertiger» macht unnötige Administration sichtbar
Unnötige Administration kommt meist auf Papier oder als PDF in Praxen und Spitäler daher – sichtbar, aber oft alternativlos. Genau hier setzt die Kampagne «Papiertiger» der SGAIM an: Mit einem physischen Kleber wird unnötige Administration im Praxis- und Spitalalltag markiert und benennbar gemacht. Nicht als Provokation, sondern als Einladung zur Reflexion: Braucht es das wirklich? Dient es der Versorgung? Hat es einen Nutzen für die Patient:innen? «Papiertiger» gibt der unnötigen Administration ein Gesicht – damit sie nicht länger still hingenommen, sondern konkret verändert wird. Denn am Ende gilt: Wir behandeln Patient:innen – nicht Formulare.
